Fehmarn. Es gibt weltweit kaum einen räumlich so eng begrenzten Vogelzug wie den Fehmarnbelt mit der Insel Fehmarn, wo sich ein internationaler Vogelzugweg in außergewöhnlicher Konzentration durch den sogenannten "Zugtrichter" durchschleust und dabei Zugwege (mit Land- und Wasservögeln) auf engstem Raum Fehmarnbelt kreuzt.
Als Zugweg für Wasservögel hat der Fehmarnbelt eine überregionale Bedeutung. In dieser Meeresenge bündeln sich die Zugwege der Vogelarten, die das Wattenmeer, die offene Nordsee oder den Ostatlantik als Mauser-, Rast- oder Überwinterungsgebiet aufsuchen (Gänsearten, Meeresenten, Seetaucher und Limikolen. Die Lage Fehmarns in der Beltsee mit den durch Inseln und Küstenlinien vorgegebenen Leitlinien führen zu Zugkonzentrationen, die europaweit zu den bedeutendsten gehören.
Wichtiger Zugweg
Die Insel Fehmarn gehört zum Jahreslebensraum einer arten- und individuenreichen Vogelwelt, die das Gebiet als Brut-, Durchzugs-, Rast- und Überwinterungsgebiet nutzt. Als Knotenpunkt im internationalen Vogelzugsystem für skandinavische Landvogelarten ist sie ohne Beispiel. Kein anderer Ort Skandinaviens hat eine derartige Gewichtung für den Zug von Landvögeln wie Falsterbo in Südschweden als Ausgangspunkt des sogenannten "Fehmarn-Landweges". Dieser Zugweg ist allgemein bekannt als "Vogelfluglinie". Ein Großteil der hier passierenden Landvogelarten quert auf einem schmalen Korridor von Südschweden kommend Seeland, Falster mit Lolland, Fehmarn und nachfolgend Ostholstein. Die Vögel folgen damit einer angeborenen, nach Südwesten weisenden Vorzugsrichtung.
Hohe Verluste wahrscheinlich
Die alljährlichen Wanderungen der Zugvögel sind auch unter natürlichen Bedingungen nicht verlustfrei, doch bewegen sich diese Verluste in einer Größenordnung, die für die ziehenden Arten günstiger ist, als mögliche Überwinterungsversuche. Gerade Zugvögel sind jedoch stark durch Hindernisse jeglicher Art gefährdet. Dafür sind einige grundsätzliche Fakten maßgebend:
· 80 Prozent des Vogelzuges in Mitteleuropa findet nachts statt. Zwar werden eindeutig klare Nächte mit guter Sicht bevorzugt, doch gibt es auch in bedeckten oder sogar nebligen Nächten teilweise starke Zugbewegungen.
· Ein Großteil der ziehenden Vögel im Herbst sind erstmals ziehende Jungvögel. Dies gilt insbesondere für die vergleichsweise kurzlebigen Singvögel.
· Den durchziehenden Vögeln fehlt vielfach die genaue Ortskenntnis, die zur Vermeidung von Flugunfällen notwendig ist.
Jedes Brückenbauwerk über den Fehmarnbelt ist ein gefährliches Hindernis für Zugvögel. Davon betroffen sind vor allem Nachtzieher, sowie längs den Fehmarnbelt durchwandernde Vogelarten, für die eine Brücke quer zur Hauptzugrichtung steht. Aber auch Tagzieher können bei stärkerem Wind gefährdet sein. Ein denkbares Brückenbauwerk müsste eine lichte Durchfahrtshöhe von ca. 65 Metern aufweisen, um die internationale Schifffahrtsroute nicht zu beeinträchtigen. Dazu kommt eine größere Konstruktion zur Aufhängung der Brücke (Pylon-Abspannung oder ähnliches, wie bereits am Store-Belt praktiziert). Die zu erwartende Verkehrsentwicklung dürfte zu größeren Zahlen von Verkehrsopfern unter den Zugziehern führen. Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Verluste erheblich höher liegen und vor allem dann auftreten, wenn Hindernisse quer zur Hauptzugrichtung errichtet werden.
Ferner sind einzelne konstruktive Maßnahmen zum Windschutz notwendig, um einen reibungslosen Verkehrsfluss auch bei stärkerem wind zu gewährleisten (durchschnittlich 313 Starkwind- und Sturmtage jährlich, gemessen im zehnjährigen Rhythmus; Quelle: Deutscher Wetterdienst Schleswig).
Handels es sich dabei um durchsichtige Wände (vergleichbar mit städtischen Lärmschutzwänden), sind bekanntlich hohe Vogelverluste zu erwarten, da diese Wände erst zu spät, meist jedoch nicht als Hindernis zu erkennen sind.
Hohes Gefährdungspotential für Nachtzieher
Möglicherweise sind nächtliche Beleuchtungen zur Schiffs- und Flugsicherheit notwendig. Auch Letzteres erhöht mögliche Anflugrisiken beträchtlich, da die ziehenden Vögel während der Dunkelheit durch starke Lichtquellen angelockt und irritiert werden, und als "Schlagopfer" enden. Die direkte Verbindung über den Fehmarnbelt von Rodbyhavn auf Lolland nach Puttgarden auf Fehmarn beträgt 19,2 Kilometer. Durch die geplante Querung über den Fehmarnbelt käme es zu einer Zerschneidung eines der wichtigsten Vogelzugwege in Europa, wenn das Bauwerk als Brücke errichtet würde. Da die Hauptschifffahrtslinie von den ziehenden Wasservögeln im Regelfall gemieden wird, werden die meisten Vogelarten eine Brücke an den niedrigsten Abschnitten (Flachbrücke) überfliegen. Ferner dürfte ein Teil der Landvögel, vor allem kleinere, tagsüber ziehende Singvögel, eine kleine Brücke als beständigen Landkontakt gezielt aufsuchen und während des Überflugs über den Belt begleiten, wie dies zum Beispiel von Alpenpässen bekannt ist. Mögliche Kollisionen sind neben denen mit dem Brückenbauwerk vor allem mit den Schienen- und Straßenfahrzeugen zu erwarten, wobei im ersten Fall Nachtzieher, im Weiteren sowohl Tag- als auch Nachtzieher.
Abriegelung eines Zugweges bislang ohne Beispiel
Die zu erwartenden Beeinträchtigungen eines Brückenbauwerkes betreffen keine Fläche, sondern einen seit Jahrtausenden bestehenden Vogelzugweg, der durch den Küstenverlauf und die Verteilung von Land und Wasser vorgegeben ist. Die faktische Abriegelung eines internationalen Vogelzugweges ist bislang im Brückenbau weltweit ohne Beispiel. Dabei wäre hier besonders Rücksicht geboten, da ein Großteil der Wasservögel sich kurz vor dem Rastziel Wattenmeer befindet und nach der schon langen bewältigten Zugstrecke (Westsibirien) die Kondition der Vögel teilweise sehr schlecht ist. Bei alljährlich etwa 10 Millionen Zugvögeln, die das Umfeld einer möglichen Brücke queren (genaue Zahlen werden voraussichtlich bei Radaruntersuchungen bekannt werden), ist schon bei einer Kollisionsrate von einem Prozent mit 100.000 Schlagopfern pro Jahr zu rechnen.
Priorität für Vogelschutz
Bei den weiteren Planungen zu einer festen Fehmarnbelt-Querung fordert der NABU daher, dem Thema Vogelschutz/Zugvogelschutz eine besonders hohe Priorität zuzumessen. Aus Sicht des Naturschutzes verbieten sich alle Brückenkonstruktionen aus Gründen des Zugvogelschutzes von selbst.
Ein Artikel über die Auswirkungen einer festen Fehmarnbelt-Querung erschien kürzlich auch im Schwerpunktheft "Verkehr" des NABU Magazins "Naturschutz heute".